Patch 2.6.8 und der Start von Season 20
Am 13. März 2020 ging mit Patch 2.6.8 die zwanzigste Season von Diablo 3 an den Start: Die Verbotenen Archive (im Original Season of the Forbidden Archives). Anders als viele frühere Seasons, die sich auf Buff-Stacks, schwebende Pylonen oder zeitlich begrenzte Boni stützten, griff Season 20 direkt in das Herzstück des modernen Build-Craftings ein – Kanais Würfel. Damit reihte sich die Season in eine Reihe von Themen ein, die nicht einfach Schaden draufpackten, sondern eine fundamentale Regel des Spiels umschrieben.
Die Season fiel in eine Phase, in der Diablo 3 längst im reinen Saison-Rhythmus lief. Reaper of Souls und der Necromancer-DLC lagen Jahre zurück, neuer Content erschien nur noch tröpfchenweise. Umso wichtiger war es für Blizzard, mit klug gewählten Season-Themen für frische Spielgefühle zu sorgen – und genau hier setzte Season 20 einen der gelungensten Akzente überhaupt.
Die Rahmenhandlung: Zoltun Kulle und das Archivieren
Die Geschichte knüpft an den Horadrim Zoltun Kulle an. Niemand versteht die Macht des nephalemischen Artefakts besser als er: Kulle lernte, die Energien mächtiger Gegenstände in den Würfel zu sieben und zu archivieren. Genau dieses „Archivieren" gibt der Season ihren Namen – und ihr spielmechanisches Thema.

Das erzählerische Bild passte perfekt zur Mechanik: Wenn Kulle die verbotenen Archive öffnet, lösen sich die Grenzen zwischen Waffen-, Rüstungs- und Schmuck-Magie auf. Was im normalen Spiel streng getrennt verwaltet wird, durfte für eine Season frei vermischt werden. So wurde aus einer reinen Story-Anspielung ein konkreter, fühlbarer Regelbruch im Spiel.
Drei frei wählbare Würfel-Kräfte
Der Kern der Season: Für die gesamte Dauer von Season 20 waren die drei Slots in Kanais Würfel, die normalerweise je eine Legendary-Kraft aus Waffe, Rüstung und Schmuck aufnehmen, nicht länger an ihre Kategorie gebunden. Spieler konnten also drei beliebige Legendary-Kräfte gleichzeitig einsetzen – etwa drei Waffen-Effekte oder eine wilde Mischung aus allen Kategorien.
Um zu verstehen, warum das so gewaltig war, muss man die normale Funktionsweise kennen. Kanais Würfel besitzt drei Extraktions-Slots, die fest verteilt sind:
- Waffen-Slot – nimmt nur Legendary-Kräfte von Waffen auf (z. B. Furnace, Bane of the Stricken als Gem-Vergleich ausgenommen)
- Rüstungs-Slot – nur Kräfte von Rüstungsteilen wie Helmen, Brustpanzern oder Schultern
- Schmuck-Slot – nur Kräfte von Ringen und Amuletten
Zum ersten Mal in der D3-Geschichte konnte man drei Effekte aus derselben Schublade kombinieren – etwa drei Ringe oder drei Waffen-Passive auf einmal.
Das klingt simpel, war aber eine der weitreichendsten Änderungen der D3-Geschichte. Plötzlich konnten Builds Defensiv- und Offensiv-Kräfte stapeln, die sich sonst gegenseitig ausschließen.
- Mehr Schaden: Klassen kombinierten gleich mehrere Damage-Multiplikatoren aus derselben Kategorie
- Mehr Überleben: Defensive Legendaries ließen sich zusätzlich zur Offensive würfeln
- Mehr Komfort: Quality-of-Life-Effekte (Ressourcen, Mobilität) wurden ohne Verzicht auf Power möglich
Warum das mechanisch so stark war
Diablo 3 unterscheidet zwischen additiven und multiplikativen Boni. Additive Boni (Skill-Damage, Elementarschaden) verlieren mit steigender Summe an Wirkung. Multiplikative Multiplikatoren dagegen – oft an Legendaries gebunden – multiplizieren sich miteinander und sorgen für exponentielle Schadenssprünge.
Genau hier lag der Hebel: Viele der stärksten Multiplikatoren saßen in derselben Ausrüstungs-Kategorie. Im Normalfall musste man sich zwischen ihnen entscheiden. Season 20 erlaubte es, zwei oder drei dieser Multiplikatoren gleichzeitig zu würfeln. Dadurch wuchsen die Schadenswerte einiger Builds nicht linear, sondern sprunghaft – mehrere multiplikative Quellen übereinandergelegt.
Gleichzeitig konnten Spieler ihre Ausrüstungs-Slots entlasten: Wenn eine wichtige Kraft im Würfel lag, wurde der entsprechende Slot am Charakter frei für ein anderes, sonst nicht tragbares Legendary. So ergaben sich Stat-Stickereien und Affix-Kombinationen, die zuvor schlicht unmöglich waren.
Auswirkungen auf das Meta
Das Thema sorgte für eine der kreativsten Build-Phasen überhaupt. Nahezu jede Klasse profitierte spürbar, und etliche Builds erreichten neue Greater-Rift-Rekorde, weil sich bislang unmögliche Kombinationen erstmals realisieren ließen. Theorycrafter testeten in Windeseile dutzende Varianten, und das Leaderboard verschob sich in vielen Klassen nach oben.
Besonders Klassen mit mehreren konkurrierenden Power-Quellen in einer Kategorie explodierten regelrecht. Builds, die zuvor an der Würfel-Beschränkung gescheitert waren, sprangen über Nacht ins obere Tier. Die Push-Community erlebte einen Schub, weil sich theoretische Schadensgrenzen plötzlich praktisch erreichen ließen.
Gerade weil das Thema universell wirkte und keine Klasse benachteiligte, gilt Season 20 vielen Veteranen bis heute als eine der unterhaltsamsten Seasons – ein Grund, warum Blizzard das Thema später erneut als reguläre Season auflegte.
Belohnungen und Season-Reise
Neben dem Würfel-Thema brachte Season 20 die üblichen saisonalen Anreize mit:
- Haedrigs Geschenke: Das Abschließen der Kapitel 2, 3 und 4 der Season-Reise belohnte mit drei Geschenken, die zusammen ein komplettes Klassen-Set ergaben (ein Set pro Season freischaltbar)
- Kosmetische Belohnungen: Exklusive Abzeichen, ein Porträtrahmen sowie Haustier- und Cosmetic-Belohnungen über die Reise-Pfade
- Conquests & Stash-Tab: Wer die Reise weit genug trieb, schaltete eine zusätzliche Truhen-Registerkarte frei
Patchnotes im Überblick
Patch 2.6.8 selbst fiel inhaltlich schlank aus und konzentrierte sich auf das Season-Thema. Begleitend gab es:
- Diverse Balance-Anpassungen an Sets und Legendaries
- Fehlerbehebungen und Stabilitätsverbesserungen
- Vorbereitungen für die Season-Infrastruktur (Leaderboards, Season-Reise)
Vermächtnis und Einordnung
Unterm Strich war Season 20 ein Paradebeispiel dafür, wie ein einziges, gut gewähltes Thema das gesamte Build-Gefühl eines Spiels neu beleben kann – ohne neue Items, allein durch das Aufheben einer alten Regel. Es zeigte exemplarisch, dass die Tiefe von Diablo 3 längst nicht ausgereizt war, solange man bestehende Systeme kreativ neu verschaltete.
Für die langfristige Entwicklung des Spiels war das ein wichtiges Signal: Mechanische Season-Themen, die in bestehende Systeme eingreifen, wurden zum bevorzugten Mittel, um Diablo 3 in seiner Spätphase lebendig zu halten. Season 20 setzte hier einen Maßstab, an dem sich nachfolgende Themen messen lassen mussten – und an den sich viele Spieler noch lange gern erinnerten.